Lieber Mindset-Champion,
Ich schreibe wieder mal über meinen Lieblingstrainer Jürgen Klopp.
Und ich warne erneut: Da er nie mein Trainer war, kann ich natürlich nicht von vorderster Front berichten, was eigentlich essenziell wäre, um ihn richtig zu beurteilen. Aber aus der Distanz fasziniert er mich ganz einfach. Schon seit Jahren. Bei der Pressekonferenz zum Antritt als neuer Deutscher Bundestrainer einmal mehr.
Denn das war nicht das übliche “Ich bin froh heute hier zu sitzen und werde mein Bestes geben”-Blabla. Das war viel mehr.
Und ich sah etwas, was ich bis dahin nicht gewusst hatte: Kloppo ist auch ein hervorragender Mentaltrainer:
Was bei der Pressekonferenz am krachendsten einschlug, …
… war seine direkte Ansprache der Medien gleich zu Beginn:
“Ich mach das nicht gegen euch, sondern für euch […] Ich werde dafür gut bezahlt, das ist klar. Aber an dem Tag, an dem ihr das nicht mehr wollt, sagt es und ich bin weg […] Wenn ihr euch daneben benehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg […] Weil ich mache den Job, obwohl ich mitbekommen habe, wie ihr mit Julian [Nagelsmann] umgeht, obwohl ich mitbekomme habe, wie England mit Tuchel umgeht […] Ihr müsst mir nur glauben, dass es nur um die Sache geht […] Ich werde alles da reinlegen, was mir zur Verfügung steht!”
Natürlich könnte man ihm diese Sätze auch sofort als etwas “weich” auslegen: Denn ein Bundestrainer einer Fußballnation sollte eigentlich über jeglicher Kritik der Medien drüberstehen.
Natürlich könnte man ihm diese Sätze auch sofort als etwas “unrealistisch” auslegen:
Denn ein Bundestrainer einer Fußballnation sollte sich eigentlich darüber im Klaren sein, dass sich Medien daneben benehmen, dass sie ihn zerlegen werden und ja, leider auch, dass sie seine Familie NICHT in Ruhe lassen werden.
Dennoch machte er damit sofort Eindruck
Dennoch versuchte er damit sofort etwas zu statuieren: Die Ära Klopp soll eine grundlegend neue werden. Alle sollen an einem Strang ziehen.
Er bittet die Medien, dass sie zuerst einmal überlegen sollen, bevor sie etwas schreiben. Dass sie aktiv mitwirken können an dieser neuen Ära, indem sie nicht gleich alles raushauen, was potenziell zerstörend sein könnte.
Klopp möchte, dass das neue Projekt Nationalmannschaft eines wird, welches das ganze Land vereint. Und dafür nimmt er auch die Medien mit ins Boot. Er lädt sie ein, ein Teil dieses Projekts zu sein. Nicht in ihrer üblichen Rolle als Wellenschläger und Dammbauer, sondern als Ruderer für das gemeinsame Vorankommen.
Klopp machte damals bei seinem Amtsantritt für den FC Liverpool …
… bereits etwas Ähnliches:
Angeblich trommelte er gleich am ersten Tag “in the office” die Angestellten, die auf Grund des Neustarts Angst hatten ihren Job zu verlieren, zusammen und versicherte ihnen, dass sie alle fest im Sattel sitzen und nun gemeinsam an einen Strang ziehen würden.
Er legte noch einen drauf, indem er sich in den ersten Tagen alle Personalakten zukommen ließ: Vom Masseur bis zur Putzkraft. Jede einzelne. Dann rief er die Angestellten des Clubs und seine Starkicker zusammen und machte sie miteinander bekannt. Über jeden der Angestellten sagte er ein paar nette Worte. Die Mitarbeiter waren begeistert und posteten Fotos mit den Spielern in den sozialen Medien.
Klopp gab allen dasselbe Gefühl: Es läuft nur, wenn jeder jeden respektiert. Wenn jedes noch so kleine Rädchen sich dreht. Diese Begeisterung sprang auf die ganze Region über. Die gemeinsame Motivation machte den Erfolg.
Jürgen Klopp gab seinem Team (nicht nur den Spielern) das Gefühl, für etwas zu brennen. Er übertrug seine Begeisterung auf sie. Und er impfte ihnen die intrinsische Motivation ein, für den Sieg die Extrameile zu gehen.
Klopp weiß, wie er die Masse einstimmt
An der zweiten wichtigen Stelle der Pressekonferenz lässt er das Bild dieses neuen Projekts Nationalmannschaft in den Köpfen der Zuhörer noch konkreter werden:
“Ich hab Lust mit Jungs zusammenzuarbeiten, die einen Fußball spielen wollen, der allen gefällt […] Ich möchte mit der Nationalmannschaft schaffen, dass die Leute nach dem Spiel nachhause gehen und denken ‘Wow! Das war wirklich cool!’.”
Er posaunte dann aber nicht raus, dass Deutschland in vier Jahren Weltmeister werde, sondern meinte:
“Wir brauchen eine realistische Erwartungshaltung.”
Er sagte ganz klar, dass Deutschland nicht über die gleiche Menge an Weltklassespielern wie Frankreich oder Spanien verfügt. Aber dass Deutschland diese Teams dennoch schlagen könne, wenn sie den richtigen Fußball spielen.
“Ich hätte echt gerne, dass wieder alle Länderspiele gucken!”, …
… meinte Jürgen Klopp dann. Nicht nur die bei Großereignissen, sondern auch die in der Quali und der Nations League.
“Ich hab dreimal erlebt, wie erfolgreicher Fußball eine Stadt verändern kann [Mainz, Dortmund, Liverpool]. Und ich glaub wir sind uns alle einig, dass erfolgreicher Fußball auch ein Land verändern kann.”
Und ein paar Sätze später startete Jürgen Klopp Mentaltrainer-like eine Visualisierung:
“Wenn ich ein paar Sekunden die Augen zumache und mir denke, Deutschland wird in vier Jahren Weltmeister, dann fühlt sich das zum einen echt gut an, denn ich hab eine relative gute Vorstellungskraft bei solchen Sachen. Und ich bin mir sicher, wenn wir das alle gemeinsam machen – stellen wir uns mal vor, das wäre so – am nächsten Tag wär der Nachbar nicht mehr so ein Arsch, wie wir im Moment vielleicht denken, dass er ist. Oder das Wetter wäre nicht so schlecht. Oder Friedrich Merz würde nicht alles falsch machen, obwohl er versucht alles richtig zu machen. Und so weiter […] Das ist das, was Fußball verändern kann. Und das zu wissen bedeutet, ab heute müssen wir alles tun, nicht dass wir Weltmeister werden, sondern dass wir so spielen, dass wir Weltmeister werden könnten […] Und dazu lade ich euch ein! Ich hab Bock. Wenn ihr das auch habt: Los geht’s!”
Ja, mich packt das! Mich holt er damit ab. Und das obwohl ich Österreicher bin. Nicht weil ich Deutschland so geil finde, aber weil ich ihm rechtgebe, dass Fußball einfach unglaublich viel mobilisieren kann. Leider auch Schlechtes (Ich denke da an argentinische Profikicker, die nach Abpfiff eines WM-Finales nichts Besseres zu tun haben als auch dann noch Spanier umzuhacken, was natürlich auch auf die Fans übergeht und so weiter und so fort …) aber vor allem sehr viel Gutes!
Klopp nutzt diese potenziell enorm positive Energie …
… als Leitthema für seine Antritts-Pressekonferenz.
Er weiß: Die Niederlagen werden kommen. Die Häme wird kommen. Die Schlagzeilen über seine Familie werden kommen.
Aber er wartet nicht, bis der Sturm da ist. Er baut vor. Schon am ersten Tag setzt er die Bedingungen: "Respekt, oder ich bin weg!" und “Lasst uns alle gemeinsam an einem Strang ziehen!”.
Er erinnert an den Umgang mit Nagelsmann, bevor man ihm dasselbe antut. Er lädt die Medien ein, Teil des Projekts zu sein statt Gegner. Und er verkauft keine Mannschaft, sondern eine Nation, die wieder zusammenrücken soll.
Er pflanzt Samen in die Köpfe der Journalisten und in die Köpfe eines ganzen Landes. Auf dass sie Monate später aufgehen, wenn er ihre Früchte benötigt.
Genialer Mentaltrainer-Move!
Auch du als Athlet solltest JETZT bereits das säen, was du später im Sturm dann brauchst.
Leg los!
Was du aus diesem Mail mitnehmen kannst:
Fußball kann Massen mobilisieren wie kaum etwas anderes. Das muss selbst ein Fußballhasser gestehen. (Ich bin keiner, aber ich weiß, dass es im Volleyball und anderen Sportarten viele davon gibt!)
Schau dir von Kloppo ab, wie man mit gesundem, realistischem Enthusiasmus in ein Projekt startet.
Schau dir von Kloppo ab, wie man auch potenzielle Feinde (die Medien) mit ins Boot holt.
Schau dir von Kloppo ab, was Charm, Charisma und Humor bedeuten. (Ja, ich geb’s zu, das ist alles schwer zu lernen!)
Jürgen Klopps Vision enthält Elemente des Infinite Games, um das es letzte Woche ging: “Ich hab Lust mit Jungs zusammenzuarbeiten, die einen Fußball spielen wollen, der allen gefällt […] Ich möchte mit der Nationalmannschaft schaffen, dass die Leute nach dem Spiel nachhause gehen und denken ‘Wow! Das war wirklich cool!’.” (= sinnstiftendes Ziel)
Und noch einmal: Säe JETZT was du später in der Saison brauchst, um von den Stürmen, die SICHERLCH kommen werden, nicht unvorbereitet weggeblasen zu werden!
Bis zur nächsten Grübelpause,
Philipp






